Vegemite Wars

Wer Australier zu seinem Bekannten- oder Kollegenkreis zählt oder selbiges Land jemals bereist hat, der wurde wahrscheinlich mindestens einmal mit der braunen Hefepaste "Vegemite" konfrontiert. Dieser salzige Brotaufstrich ist sowas wie das Nationalgericht der Australier und man könnte jetzt natürlich eine lange Diskussion führen was das über die Esskultur dieses Landes aussagt. Tatsache ist, dass "Vegemite" wahrscheinlich zu den schlimmsten Dingen gehört, die ich gegessen habe. Die nach Schmieröl aussehende Paste ist etwa so appetitlich wie warmes, abgestandenes  Bier und schmeckt auch so, nur salziger.

Zum Glück bin ich mit meinem Leid nicht allein, denn die amerikanische Sängerin und bekennende Australien Verehrerin Amanda Palmer hat ebenfalls ihre Probleme mit dem Brotaufstrich und sagt ihm den musikalischen Kampf an. Eine Ode an den Liebhaber, der sich in seinem Leben zwischen "Vegemite"(hier als "the black death" bezeichnet) und ihr entscheiden soll. Für einen echten Australier wäre die Wahl klar.

Studnitzky: Das Jazz Video

Jazz aus Deutschland und was man damit assoziiert: Alte Männer, Rollkragen, Musik für Musiker und gähnende Langeweile. Während im Ursprungsland des Jazz stets Bewegung in der Szene ist und junge Künstler wie zum Beispiel Esperanza Spalding oder aktuell Christian Scott immer wieder neuen Wind in das Genre tragen, fristet Jazz in Deutschalnd eher ein Schattendasein. Klar war Jazz in Deutschland nie so populär wie in den USA, wo bekannte Jazzkünstler auch in den Massenmedien präsent sind, jdeoch kann man nicht behaupten die deutsche Jazzszene hätte sich besonders Mühe gegeben das zu ändern.

Durchaus gibt es auch bei uns interessante Jazz Formationen und innovative Musiker, allen voran Hellmut Hattler und Joo Kraus, dennoch wird dem gerade im eigenen Land wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Einzige Außnahme der letzten Jahre waren für mich Triband. Diese Band schaffte es Jazz auf ungewöhnlich Weise mit vielen anderen Musikstilen zu vermengen und brachte mit "Trip" ein wahres Meisterwerk zustande. Selbst die Medienpräsenz war zeitweise besser als für das Genre üblich. Leider konnte der Nachfolger "So Together" nicht annähernd mit dem Überwerk mithalten und war unterm Strich einfach nur langweilig.

So war ich doch etwas überrascht als ich vor ein paar Tagen auf das Musikvideo zum neuen Studnitzky Album gestoßen bin, seines Zeichens Tompeter und Pianist unter anderem von Triband. Nein, keiner hat sich hier gerade verlesen, ich rede von einem MUSIKVIDEO für einen JAZZSONG von einem deutschen Jazztrio. Das ganze kommt dann auch ohne Pullunder und Cordhosen aus, spielt nicht dem Klischee entsprechend in einer verrauchten Bar mit 60er Jahre Charme und ist......nun......gut.

Um genau zu sein einfach ein verdammt gutes Video für eine verdammt gute Jazznummer. Das Video transportiert dann auch gleich viel besser alles mit dem ich Jazz verbinde: Coolness, Großstadt, große Emotionen und Neugier. Überraschung perfekt, weitermachen!





Audio88 & Yassin - Nochmal zwei Herrengedeck, bitte

Nun ist es endlich soweit. Der Nachfolger zum Audio88 & Yassin Album "Zwei Herrengedeck, bitte" mit dem konsequenten Titel "Nochmal zwei Herrengedeck, bitte" ist auf Vinyl und CD erhätlich. Die zwei Berliner Rapper, die sich stets über das Internet und das eigene Label Analog Alpha selber vermarkten, wollen es damit nun auch richtig wissen.

Wer Audio88 & Yassin schon einmal gehört hat  weiß, dass hier keine leichte Kost aufgetischt wird. Nein, das ist eher die Art von Musik mit der man seine Eltern aus dem Haus treibt oder die Nachbarn zum Polizeiruf animiert. Die beiden wollen sich nicht in HipHop Klischees pressen lassen und ein Zeichen dafür ist nicht nur, dass Audio88 für seinen Rap keine Reime benutzt. Viele Beats, vor allem aus der Anfangzeit,  sind eher karge, langsame Elektro-Nummern mit denen die Herren näher an Künstlern wie Thavius Beck, Saul Williams oder K-the-I liegen als an anderen HipHop Verwandten.

Auch lyrisch will man sich nicht anpassen. Die Welt von Audio88 & Yassin ist trist und von Massenmedien überspühlt. Man will auch nicht mit dem erhobenen Finger daher kommen, denn man ist einfach nur Teil davon. Conscious Rap der Sorte Curse wird dabei als genauso ekelhaft empfunden wie dummer Gangsterrap. Die Texte sind dabei näher an der Realität als bei den meisten Kollegen auch wenn man den beiden einen gewissen, vielleicht auch überzogenen, Nihilismus  durchaus unterstellen kann.

Dabei sind Audio88 & Yassin ein wirklich wunderbarer Spiegel der Gesellschaft und "Nochmal zwei Herrengedeck, bitte!" legt den Finger tiefer in die Wunde als jeh zuvor. Hier werden bestimmte Gruppen zum ersten mal konkret angegriffen. Dabei sind die Beats sicherlich verdaulicher geworden, die Texte sind es umso weniger. Schon der Opener "Ihr" macht klar wo es lang geht ("Ihr habt keine Probleme, denn ihr seid so gute Menschen...").  Höhepunkt des Albums sind die Songs "Sandy und Justin" ("Sandy und Justin haben eigene Probleme, doch sind sie erst sechzehn gehst du ihnen aus dem weg / Sandy und Justin fragen dich >Hast du Probleme?< und du gibst Sandy und Justin dein Portemonnaie") und "Focusleser" zusammen mit Soda ("Nur weil du lesen und schreiben kannst macht dich das gegenüber Menschen, die nicht lesen und schreiben können, nicht überlegen / aber die Tatsache, dass in deinem Ikea-Bücherregal ein Buch von Sarah Kuttner steht, macht dich zu einem Idioten").

Außer Soda finden sich noch andere Gäste auf dem Album ein, darunter Hiob, Morlockk Dilemma und Retrogott. Die guten Herren runden das ganze auch perfekt ab und passen sich dem Grundthema der Scheibe an, Alkoholismus als Flucht vor der Realität. Auch damit wird bemerkenswert konsequent umgegangen und findet in nahezu jedem Lied Einzug. Wie gesagt, sind Audio88 & Yassin mehr Spiegel als Kritiker und vielleicht deswegen so viel weiter als die meisten Kollegen.

Zu bestellen gibt es das gute Stück bei HHV und einen Vorgeschmack gibt es auf Myspace.

The Q4 - Sound Surroundings

Manchmal stolpert man über junge Künstler die musikalisch ihre Vorbilder schon längst überholt haben. The Q4 sind solche Künstler. Die drei Produzenten aus den Niederlanden Arts the Beatdoctor, Sense und STW gehen dabei mit einer derartigen Leichtigkeit zu Gange dass einem nur schwindlig werden kann. 

Dabei ist die Rezeptur doch recht klassisch, minuziöse Arrangments hunderter Samples plus eingespielte Instrumente. Klingt so erstmal wie "The  Avalanches" vs. "Madlib Invades Blue Note". In der Tat ist eine Ähnlichkeit zu den beiden Sample-wahnsinnigen Größen nicht zu leugnen, doch das Ergebnis kann keineswegs als Kopie verstanden werden. So ist "Sound Surroundings" um einiges druckvoller und komplexer als "Since I left you" von The Avalanches und doch um einiges eingängiger als Madlibs Instrumentalalben einschließlich "Madlib invades Blue Note". Ich scheue mich ja sehr vor dem Wort "schön" da das eher zu langweiligen Landschaftsfotos passt als zu Musik. Bei "Sound Surroundings" passt es aber sehr gut, den die Klanglandschaften und Arrangments sind einfach nur schön und laden zum Träumen ein. Die teils sehr jazzigen Songs eignen sich dabei wunderbar für einen Sonntag Morgen oder einen Abend mit Wein und Zigarre. 


Ein weiteres Merkmal hebt The Q4 von ihren Vorreitern ab, nämlich der Einsatz von Gesang und Rap. Bei insgesamt fünf der elf Songs wurde jeweils mit einem anderen Künstler zusammengearbeitet. Die Bandbreite reicht dabei von exotischen Klängen (Cuna Suarez) über Jazz (Terryman) bis hin zu klassischem Rap (Pax, Unorthadox, BLS). Dadurch gewinnt die Platte an Abwechslung wie es besser nicht sein könnte. Alle fünf Vokalisten sind auf hohem Niveau und werten die Songs nur noch auf. Ich habe die Platte jetzt schon gute zehn mal gehört und kann mich unter den lässigen Songs nicht für einen Favoriten entscheiden, oder anders ausgedrückt, hier wird auf hohem Niveau angefangen und elf Songs lang nicht nachgegeben. Unterm Strich eine Platte für alle Liebhaber von old school HipHop, jazzigen Instrumentals und handgemachter Chill out Musik. 


Bleibt am Schluss noch zu erwähnen, dass The Q4 beim hervorrangenden deutschen Label Project Mooncicle erscheinen, eine besondere Kollaboration von Künstlern unterschiedlicher Stilrichtungen. Hier wird auch immer Wert auf das Layout der einzelnen Platten gelegt und meistens geht ein Label-eigener Künstler ans Werke. Auch "Sound Surroundings" ist als Vinyl eine wahre Augenweide, es lohnt sich also doppelt.