Fremd gehen...

Hier ist doch nicht so viel passiert wie versprochen. Das liegt daran, dass ich seit ein paar Wochen fremd gehe und nun sehr viel für das Musikmagazin SSSSOUND schreibe. Dort gibt es jeden Tag aktuelle News und dank vieler Autoren ein breites Spektrum an Musik. Nichts wie hin da.

Numaads - Now

Vielleicht sollte ich es einfach eine Sommerpause nennen, aber bei heißen Tagen treibt es mich auch nicht gerade an den Computer um hier etwas zu schreiben. Es wird aber noch wie versprochen nachgelegt.

Zwischen durch aber ein paar kurze Updates, so wie dieses.

Am Anfang dieses Sommer, als sich das Wetter noch nicht wirklich entscheiden konnte, erschien die erste EP von Numaads, ein Künstlerduo bestehend aus der Sängerin Esperanzah und dem Produzenten Sense. Erschienen ist das ganze auf dem wunderbaren Label Project Mooncircle. Viel gibt es zu den beiden nicht zu sagen außer klasse Stimme trifft feinste Beats. Sense versteht sein Handwerk, schließlich ist er normalerweise mit den Instrumentaltrio The Q4 unterwegs und er findet in Esperanzah die perfekte stimmliche Ergänzung zu seinem Soul & Old School Sound.

Für die erste EP ließ man sich auch gleich ein paar Remixe anfertigen, unter anderem vom Berliner Dubstep Meister Robot Koch. Den fand man dann wohl so gut, dass man ihn fürs Video verwendet hat, gute Entscheidung...





die Zeit fließt...

Es ist ja wirklich schon eine Weile her seit ich in diesen Blog gepostet habe. Ich könnte mich jetzt mit den vielen Reisen der letzten Monate oder der WM herausreden, allerdings wäre das auch nicht ganz ehrlich. Allerdings war ich mal wieder viel unterwegs in ganz Europa und wer viel unterwegs ist, hört auch viel Musik.

Der Vorteil ist jetzt natürlich, dass sich hier ein ganzer Stapel Musik aus aller Welt, über die es sich lohnt zu schreiben, angesammelt hat. Daher wird es in nächster Zeit auch wieder mehr geben und das sogar schnell hintereinander.

Zum Anfang gleich mal ein kleiner Geheimtip mit den Jungs von DTMD (Dunc & Toine Makin' Dollas). Diese zwei noch unbekannten Jungs machen nämlich feinsten Old School HipHop an dem es nichts zu meckern gibt. Die erste EP gibt es dann gleich umsonst und zwar hier:

http://dtmd.bandcamp.com/

Zudem haben die beiden nicht nur Geschmack für Musik sondern auch für gute Videos. Natürlich ganz Old School klassisch in Schwarz-Weiß:


DTMD - You from dunc & toine makin' dollas on Vimeo.

Jesca Hoop - Hunting My Dress

Am 30. April ist es endlich soweit. Jesca Hoops neues Album "Hunting My Dress" wird endlich auch in Deutschland veröffentlicht. Hat ja auch nur 5 Monate gedauert, denn in England und den USA steht das Werk schon seit Dezember im Plattenregal. Als ungeduldiger Import-Käufer kann ich dafür aber schonmal vorgreifen.

Mal auf Anfang. Jesca Hoop war das Kindermädchen im Hause Tom Waits, der sie fortan auf ihrem musikalischem Weg unterstütze. Welchen Einfluss Herr Waits auf die musikalische Entwicklung von Frau Hoop hatte bleibt fraglich, abgeschaut hat sie sich auf jeden Fall den Mut zu ungewöhnlichen Arrangements. Schon auf dem ersten Album "Kismet" mischte sie fröhlich Musikstile durcheinander, immer gerade so wie es zum Lied und zum Text passte. Auch auf "Hunting My Dress" treffen Musikstile aufeinader, allerdings klingt hier alles mehr aus einem Guss. Das liegt unter anderem am Verzicht auf große Ausschweifungen, denn "Hunting My Dress" ist eindeutig minimalistischer als der Vorgänger. Ein bisschen Drums oder elektronische Beats, etwas Gitarre, ein Synth hier und da. Keine großen Orchester-Arrangments, lieber ein leicht verzehrter Streichersound im Hintergund. Jesca Hoop arrangiert mit Bedacht und lässt viel Platz für die Songs selbst.

Dabei wären wir natürlich schon beim wichtigsten Punkt, den Jesca Hoops Songs sind wie kleine Träume. Manche sind traurig, einige fröhlich und andere einfach merkwürdige Geschichten. Jede Geschichte bekommt ihren eigenen kleine  Sound abseits der durschnittlichen Singer/Songwriter Folk Soundschablonen, so ist man auch von der sehr traditionellen Folk Nummer "Murder of Birds" richtig überrascht. Über allem schweben immer Frau Hoops angenehme Gesangs-Arrangements die mich manchmal ein bisschen an "Moon Pix" von Cat Power erinnern. Durch die minimalistischen Unterbauten wirkt das ganze Album fast ein wenig entrückt und entführt einen in eine eigene kleine Welt.

Eine Ideale Platte für Sontage und Regentage im allgemeinen. Wer Miss Kenichi oder Cat Power mag sollte auf jeden Fall mal reinhöhren...und alle anderen auch. Zum internationalen Start gibt es dann gleich ein Video und obwohl das Ausruckstanz-Gehopse von Frau Hoop etwas befremdlich wirkt ist "The Kingdom" als Song definitiv einer der Höhepunkte des Albums und daher eine gute Wahl.






Zeitgeist EP

Manchmal gibt es nicht viel über eine Platte zu sagen. Manchmal reichen Worte wie "Wahnsinn", "unglaublich" und "Meilenstein". Für die Zeitgeist EP trifft das alles zu. Die erste Kollaboration zwischen den Berliner Labels Project Mooncircle und Spoken View erfüllt alle Erwartungen die man an eine solche Platte haben kann.

Aber kurz mal zusammengefasst. Project Mooncircle ist ein Label welches sich vor allem auf internationale Künstler konzentriert und dessen Katalog auch Veröffentlichungen von US HipHop Underground Größen wie MF Doom und Scienz of Life beinhaltet. Vor allem die hervorragende Covergestaltung und der Hang zum Besonderen zeichnen das Label aus. Spoken View stehen hingegen für einige der besten deutschen HipHop Künstler der Gegenwart. Die Verbindung zwischen den beiden Labels ist der Blog Generation Tapedeck an dem Mitglieder beider Labels mitmischen. So kam es auch zur ersten Kollaboration, erstnal nur zwischen dem holländischen Rapper Joe Kickass und dem Leipziger Punchline-King Morlockk Dilemma. Zum Glück ließen es die beiden Labels nicht bei einem Song und so entstand eine ganze EP.

Es treffen desweiteren Damien Davies auf John Robinson, Sichtbeton auf Obba Supa und Hiob auf Lewis Parker. Jeder Track ist auf höchstem Niveau, jeder Rapper gibt seine besten Lyrics, mit "Roots and Foundations" gibt Damien Davies sogar seine persönlich Bestleistung ab. Die Beats passen wunderbar zu den jeweiligen Künstlern. Besonders gut zu erkennen ist das beim Sichtbeton/Obba Supa Song "Titans". Der Beat vom Sichtbeton Mann V.Raeter passt so gut zu  Obba Supa, dass man sich fragt ob der Berliner nicht heimlich schon fürs letzte Obba Supa Album produziert hat. 

Alles in allem kann man sich nur mehr Veröffentlichungen dieser Art wünschen und eine EP ist ja leider auch schnell durchgehört. Auf jeden Fall kann ich nur sagen: Sofort kaufen!




Melissa auf der Maur - Out of Our Minds

Melissa auf der Maur's Reise durch die Musikwelt hat schon viele Stationen gesehen. Zuerst Bassistin bei Hole, an deren Erfolgsablum "Celebrity Skin" sie massgeblich beteiligt war, dann später noch Tourbassistin von Smashing Pumpkins und dann...nichts. Plötzlich und ohne viel TamTam erschien dann 2004 ihre erste selbstbetitelte Soloplatte welche sich als kleines Meisterwerk entpuppte.

Melissa auf der Maur hatte die musikalischen Freunde der vergangenen Jahre gesammelt um, unter der Leitung von Stoner-Rock Experte Chris Goss, ein durchweg eigenständiges und mitreißendes Rockalbum zu schreiben, allem voran die Hymne "Followed the Waves". Wenn es einen Kritikpunkt gibt dann allerhöchstens, dass der Einfluss der von Song zu Song wechselnden Gastmusiker doch stark zu spüren ist. So haben Nick Oliveri, John Stanier, Chris Goss, Josh Homme und James Iha eindeutige Spuren auf dem Album hinterlassen.

Sechs Jahre später geht Melissa auf der Maur mit einem neuen Solo-Werk "Out of Our Minds" in die zweite Runde. Diesmal gleich mit einem Konzeptalbum inklusive Kurzfilm und Comic. Das ganze gibt es dann auch als ganzes Paket auf der eigenen Webseite zu erwerben. Aber auch das musikalische Werk alleine hat es wiedermal in sich. Auch diesmal hat Melissa auf der Maur musikalische Freunde versammelt und einige alte bekannte sind auch mit dabei, wie z.B. Chris Goss und James Iha aber auch neue und ungewähnlich Musiker finden ihren Weg auf das Album, wie z.B. Glen Danzig, der wohl überraschenste Gast der Plattte.

Auch ist der Einfluss der Gäste kaum noch spürbar. Melissa auf der Maur hat mit "Out of Our Minds" eine echte Solo-Scheibe hingelegt. Ihr Indie-Rock zwischen Clean-Gitarren-Melodien, schweren (meist nur halb-verzerrten) Riffs, Synthesizern, treibenden Drums und Bass plus den eigenwilligen Vocals ist eigenständiger als jeh zuvor.
Die Experiementierfreude ist auch gestiegen, was man vor allem bei den rein instrumentalen Stücken wie "The Hunt", "Lead Horse" oder "This Would Be Paradise" merkt. Und ja, das Duett mit Glen Danzig, "Father's Grave", ist ein wahrer Höhepunkt: tiefe Trommeln, schwere Gitarren, Melancholie und Atmosphäre pur.

Die obligatorische Hymne gibt es mit dem Titelsong "Out of Our Minds" auch. Nichts bleibt zu vermissen.  Manche Künstler haben nunmal keinen hohen Output und zwischen zwei Alben liegen dann auch mal sechs Jahre, aber im Falle von Melissa auf der Maur stimmt auf jeden Fall die Qualität.





Zeitgeist Preview

Ein kleines Bonbon zu Ostern gibt es von den Jungs von Spoken View & Project Mooncircle. Zwar wurde das Erscheinungsdatum der lange erwarteten Kollaborations-EP "Zeitgeist" noch um eine Woche verschoben und auch mein Review muss daher noch etwas warten, einen Vorgeschmack kann man sich aber beim Joe Kickass & Morlock Dilemma Video schon jetzt holen. Der Song wird natürlich auf der erwähnten EP zu hören sein und macht die Vorfreude nur größer. Na dann, Frohe Ostern!

The Airborne Toxic Event - The Airborne Toxic Event

Junger Autor gibt das Schreiben auf und verarbeitet die aktuelle Lebenskrise lieber in ein paar Songs. Zwei Jahre später von großem Musikmagazin als heißer Webact erkannt und nochmal zwei Jahre später folgt ein Album im Heimatland USA. Hohe Chartplatzierungen folgen und kurze Zeit später erscheint das Album auch in UK und nochmal etwas später im Rest Europas. Im Königreich des Indie-Rocks wird die Band hoch gelobt und gefeiert, Top 40 Platzierungen, Pre-Release Shows in ganz Europa, der Weg war vorbereitet für The Airborne Toxic Event und ihr gleichnamiges Debüt.

Als ich die Band auf einer der erwähnten Pre-Release Shows im Hamburger Mandarin Casino  mit zweihundert anderen Gästen gesehen habe, war uns allen klar, hier stehen die neuen Killers, die neuen Interpol, die neuen Superstars inklusive Drogenkarriere und Skandal-Ehen. Schön sie nochmal in so kleiner Runde zu sehen, das nächste Mal werden sie wohl eine Halle füllen.

Doch der Musikmarkt hat seine eigenen Regeln und sicherlich waren auf der folgenden Tour mehr als zweihundert Gäste anwesend, die größe der Location hatte sich jedoch kaum geändert. Was ist hier passiert? Fehlt es der Musik von The Airborne Toxic Event an Geradlinigkeit, schließlich deckt das Album von einfachen Rock'n'Roll Songs, wie etwa "Gasoline", bis zu großen pathetischen Konstrukten mit 80'er Jahre Einschlag, wie "Sometime Around Midnight"und Wishing Well", ein breites Spektrum ab. Sind die intelligenten Texte von Sänger und Ex-Autor Mikel Jollet zu düster oder einfach die rohen Emotionen, die einem auf dem ganzen Album entgegenschlagen, zu echt oder gar zu persönlich.

Vielleicht sticht hier ja auch der Blues etwas zu sehr heraus. Den The Airborne Toxic Event sind ein klassische Gitarrenband. Wenn man die Streicher, die Synthesizer, das räumliche Schlagzeug und die breiten, sphärischen Gitarrensounds mal als Fassade betrachtet sehen wir hier das Fundament: den Blues, den Rock'n'Roll. Und welche Musikform wäre besser geeignet um die eigenen Schicksalsschläge in die Welt zu schreien. Die Mischung der klar am modernen "Indie-Standart" orientierten Produktion und dem klassischen Unterbau der Songs macht die Band letztendlich so interessant und Live zu einer Wucht.

Schade, dass dieser Band bis jetzt der wohlverdiente Erfolg in manchen Ländern verwehrt blieb, andererseits bleibt so die Gelegenheit sie nochmals in kleinerer Runde zu sehen, bevor sie ganz groß werden, inklusive Drogenkarriere und Skandal-Ehen.






Electric Wire Hustle - Electric Wire Hustle

Das es Dinge gibt, die wir nicht verstehen ist vielen von uns seit Kindertagen geläufig. Das die Musikindustrie voller durchgedrehter Egomanen ist, die auch gerne mal den Erfolg guter Musik verhindern ist auch nichts Neues. Und auch wenn ich mich damit abgefunden habe keine Erklärung für den Erfolg des Einen oder den Nicht-Erfolg des Anderen zu haben, gibt es immer wieder Momente in denen ich nur staunen kann. Electric Wire Hustle ist so ein Phänomen.

Nicht, weil das Debüt des neuseeländischen Trios eines der großartigsten Soul Alben seit D'Angelos "Voodoo" ist. Nicht, weil die komplexen Songs von Taay Ninh, Mara TK und Myele Manzanza für Majorlabels uninteressant sein dürften. Nicht, weil gute Musik es manchmal eben schwer hat. Nein. Diese Argumente zählen nur, solange wir hier von einer seit Jahren schwierigen Nische sprechen. Erstzunehmende Soul Musik abseits der R Kellys und Alicia Keys dieser Welt. Diese Nische wurde jedoch vor einiger Zeit schon erfolgreich durch die Stone Throw Entdeckung  Mayer Hawthrone gefüllt. Seit Monaten liegen mir Bekannte mit dem Multiinstrumentalisten und Sänger in den Ohren. Zurecht, mögen einige sagen, auch wenn das finale Album nicht halten konnte, was die Vorab-Single versprochen hat. Ich antworte jedoch auf jeden gesendeten Link, der auf Mayer Hawthrone verweist, mit einem Link auf Electric Wire Hustle und dem Satz: "Nett, aber die sind besser!"

Electric Wire Hustle können einfach mehr. Hier wird nicht auf Retro-Sound gesetzt sondern alle Register moderner Produktionstechnik gezogen. Die Songs, die auf dem selbstbetitelten Album zu finden sind, haben eine Tiefe und Komplexität die Seltenheitswert besitzt. Zugegeben wird die Musik dadurch schwerer zugänglich. Für Electric Wire Hustle muss man sich Zeit nehmen, am Besten mit Kaffee oder Wein, zu zweit besser als alleine. Angenehm schweben dort Soul-Melodien über langsame, aber treibende Beats und Bass. Andere Instrumente, wie Bläser, Gitarren und diverse Synthesizer setzen nur Akzente oder sind Hintergrund. Auch Electric Wire Hustle werden von einem musikalischen Genius angeführt, stammt doch ein Großteil der Musik aus der Feder des EWH Oberhaupts Taay Ninh.

Wer "Voodoo" gefeiert hat und Mayer Hawthrone interessant findet sollte hier zugreifen. Zwar ist der Import-Preis ordentlich, dafür darf man einen echten Geheimtipp sein eigen nennen.




Fiva MC: Radio & Podcast Deluxe

Die Welt der Nina Sonnenberg aka Fiva MC könnte vielseitiger nicht sein. Rapperin, Poetry Slam Gewinnerin, Radio-Moderatorin, Label-Gründerin und  Buch-Autorin. 2002 erschien ihr erstes Album "Spiegelschrift" zusammen mit DJ Radrum und war definitv eines der großen Alben dieses Jahrgangs. Auch die Nachfolge-Alben "Kopfhörer"(2006) und "Rotwild"(2009) sind absolute Anspieltipps. Das Portfolio des mit DJ Radrum gegründeten HipHop Labels "Kopfhörer Recordings" kann sich mittlerweile auch sehen lassen und ihr 2007 erschienener Gedichtband "Klub Karamel", mit Auszügen ihrer Poetry Slam Texte incl. Spoken Words CD, ist mehr als nur einen Blick wert.

Besondere Freude bereitet Frau Sonnenberg allerdings mit ihrer Internet- und Radiopräsenz. Angefangen hat alles mit der Sendung Fivas Ponyhof des österreichischen Radiosenders FM4 . Hier stellt Fiva MC jeden Montag Abend zwischen 00:00 und 01:00 Uhr ihre Lieblingsplatten vor. Wer sich einmal von dem hervorragenden Musikgeschmack der Dame überzeugen möchte, der gehe einfach auf ihre Webseite [*] und schaue sich die Playlists vergangener Sendungen an. Diese schöne Stunde schickt mich nun schon seit langem jeden Montag schlafen und ich muss gestehen, dass mir wirklich etwas fehlt, wenn die Sendung mal Pause hat. Nicht nur eine Platte in meinen Plattenregal habe ich durch die Sendung kennengelernt.

Auf "Fivas Ponyhof" folgte der on3radio Podcast "Fivas Reim auf die Welt", ein monothematischer 14-Minüter der alle zwei Wochen mit musikalischen Gästen verschiedenster Genres aufwarten kann. Und als ob das nicht genug wäre, gibt es jeden zweiten Dienstag von 22:00 bis 00:00 Uhr noch die Sendung "Fiva on 3 - Das Leben ist eine Scheibe" bei selbigem Sender.

Da ich nun Podcast abonniert, FM4 gebookmarkt und nun auch jeder zweite Dienstag ausgebucht ist, habe ich bald Konto-Probleme bei den ganzen guten Musiktipps die auf einen einströmen.

Die geballte Information gibt es hier: http://www.fivasolo.de/radio



V.V. Brown - Travelling Like the Light

Was dröhnt da aus den Boxen eines Pubs bei meinem letzten London Besuch? Ein Popsong mit der Energie und der Klasse, die amerikanische Künstler selben Genres meistens vermissen lassen. Dann werde ich auch noch seltsam angeschaut als ich nach dem Song frage, denn schließlich handelt es sich hier um einen DER Newcommer aus 2009. Beschämt google ich nach und werde durch die Tatsache beruhigt, dass V.V. Brown, von der hier die Rede ist, in Deutschland weder Label noch Aufmerksamkeit erfahren hat.

Aber was haben wir da eigentlich. Farbige Sängering, Mitte zwanzig mit eigenwilliger Frisur, muss R'n'B sein. Model ist sie auch, mit eigener Modelinie, ergo schlimmer Plastik-R'n'B. Aber halt, ihre Vorbilder sind Aretha Franklin und Ella Fitzgerald, außerdem kommt sie aus UK = Amy Winehouse, passt auch zur Frisur und den 50er und 60er Jahre Klamotten.

Wäre da nicht die Tatsache, dass V.V. Brown auf ihrem Debüt "Travelling Like the Light" musikalisch dem 50er Jahre Rock'n'Roll viel näher steht als dem Retro Motown Sound der Kollegin Winehouse. Auch wird hier lieber verwandelt als kopiert. Es wird auch an keiner Stelle versucht den Charme und den Sound alter Platten nachzuahmen. Gleich beim ersten Song "Quick Fix" wird die Richtung klargestellt. In bester Grease-Manier werden hier die Rock'n'Roll Klischees aufgebrüht, während unter dem ganzen die Drums pumpen das selbst die Neptunes neidisch werden sollten. Miss Brown schafft auf "Travelling Like the Light" den Spagat zwischen Retro und moderner Popmusik beser als die meisten Künstler und versprüht dabei eine Energie die viele glattgebügelte Produktionen ihrer Kollegen, vor allem aus den USA, vermissen lassen.

Klassische R'n'B/Soul Nummer gibt es auch und gleich der zweite Song "Game Over", der einem die Old-School Samples nur so um die Ohren haut, erreicht eine Klasse die man zuletzt gerade mal bei der DJ Premier/Christina Aguilera Kollaboration "Ain't No Other Man" gehört hat. Selbst Soul-Kitsch-Ballade "I Love You" mag sich perfekt in das Album einpassen und bietet Verschnaufpause, bevor das Gaspedal wieder durchgetreten wird. Den auch das unterscheidet V.V. Brown von ihren Kolleginnen,  der Verzicht auf die 3,5 Durschnittsballaden pro Album. Dazu hat die Dame zuviel Spielfreude.

Thematisch rechnet Madame Brown auf der Scheibe mit ihrem Ex-Freund ab. Und mal ehrlich, wenn Trennungen immer so viel Spaß machen sollten wie der Song "Crying Blood" sollte man das einfach öfter mal machen. Im Falle von V.V. Brown ist dadurch eine hervorragende Platte entstanden.






Vegemite Wars

Wer Australier zu seinem Bekannten- oder Kollegenkreis zählt oder selbiges Land jemals bereist hat, der wurde wahrscheinlich mindestens einmal mit der braunen Hefepaste "Vegemite" konfrontiert. Dieser salzige Brotaufstrich ist sowas wie das Nationalgericht der Australier und man könnte jetzt natürlich eine lange Diskussion führen was das über die Esskultur dieses Landes aussagt. Tatsache ist, dass "Vegemite" wahrscheinlich zu den schlimmsten Dingen gehört, die ich gegessen habe. Die nach Schmieröl aussehende Paste ist etwa so appetitlich wie warmes, abgestandenes  Bier und schmeckt auch so, nur salziger.

Zum Glück bin ich mit meinem Leid nicht allein, denn die amerikanische Sängerin und bekennende Australien Verehrerin Amanda Palmer hat ebenfalls ihre Probleme mit dem Brotaufstrich und sagt ihm den musikalischen Kampf an. Eine Ode an den Liebhaber, der sich in seinem Leben zwischen "Vegemite"(hier als "the black death" bezeichnet) und ihr entscheiden soll. Für einen echten Australier wäre die Wahl klar.

Studnitzky: Das Jazz Video

Jazz aus Deutschland und was man damit assoziiert: Alte Männer, Rollkragen, Musik für Musiker und gähnende Langeweile. Während im Ursprungsland des Jazz stets Bewegung in der Szene ist und junge Künstler wie zum Beispiel Esperanza Spalding oder aktuell Christian Scott immer wieder neuen Wind in das Genre tragen, fristet Jazz in Deutschalnd eher ein Schattendasein. Klar war Jazz in Deutschland nie so populär wie in den USA, wo bekannte Jazzkünstler auch in den Massenmedien präsent sind, jdeoch kann man nicht behaupten die deutsche Jazzszene hätte sich besonders Mühe gegeben das zu ändern.

Durchaus gibt es auch bei uns interessante Jazz Formationen und innovative Musiker, allen voran Hellmut Hattler und Joo Kraus, dennoch wird dem gerade im eigenen Land wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Einzige Außnahme der letzten Jahre waren für mich Triband. Diese Band schaffte es Jazz auf ungewöhnlich Weise mit vielen anderen Musikstilen zu vermengen und brachte mit "Trip" ein wahres Meisterwerk zustande. Selbst die Medienpräsenz war zeitweise besser als für das Genre üblich. Leider konnte der Nachfolger "So Together" nicht annähernd mit dem Überwerk mithalten und war unterm Strich einfach nur langweilig.

So war ich doch etwas überrascht als ich vor ein paar Tagen auf das Musikvideo zum neuen Studnitzky Album gestoßen bin, seines Zeichens Tompeter und Pianist unter anderem von Triband. Nein, keiner hat sich hier gerade verlesen, ich rede von einem MUSIKVIDEO für einen JAZZSONG von einem deutschen Jazztrio. Das ganze kommt dann auch ohne Pullunder und Cordhosen aus, spielt nicht dem Klischee entsprechend in einer verrauchten Bar mit 60er Jahre Charme und ist......nun......gut.

Um genau zu sein einfach ein verdammt gutes Video für eine verdammt gute Jazznummer. Das Video transportiert dann auch gleich viel besser alles mit dem ich Jazz verbinde: Coolness, Großstadt, große Emotionen und Neugier. Überraschung perfekt, weitermachen!





Audio88 & Yassin - Nochmal zwei Herrengedeck, bitte

Nun ist es endlich soweit. Der Nachfolger zum Audio88 & Yassin Album "Zwei Herrengedeck, bitte" mit dem konsequenten Titel "Nochmal zwei Herrengedeck, bitte" ist auf Vinyl und CD erhätlich. Die zwei Berliner Rapper, die sich stets über das Internet und das eigene Label Analog Alpha selber vermarkten, wollen es damit nun auch richtig wissen.

Wer Audio88 & Yassin schon einmal gehört hat  weiß, dass hier keine leichte Kost aufgetischt wird. Nein, das ist eher die Art von Musik mit der man seine Eltern aus dem Haus treibt oder die Nachbarn zum Polizeiruf animiert. Die beiden wollen sich nicht in HipHop Klischees pressen lassen und ein Zeichen dafür ist nicht nur, dass Audio88 für seinen Rap keine Reime benutzt. Viele Beats, vor allem aus der Anfangzeit,  sind eher karge, langsame Elektro-Nummern mit denen die Herren näher an Künstlern wie Thavius Beck, Saul Williams oder K-the-I liegen als an anderen HipHop Verwandten.

Auch lyrisch will man sich nicht anpassen. Die Welt von Audio88 & Yassin ist trist und von Massenmedien überspühlt. Man will auch nicht mit dem erhobenen Finger daher kommen, denn man ist einfach nur Teil davon. Conscious Rap der Sorte Curse wird dabei als genauso ekelhaft empfunden wie dummer Gangsterrap. Die Texte sind dabei näher an der Realität als bei den meisten Kollegen auch wenn man den beiden einen gewissen, vielleicht auch überzogenen, Nihilismus  durchaus unterstellen kann.

Dabei sind Audio88 & Yassin ein wirklich wunderbarer Spiegel der Gesellschaft und "Nochmal zwei Herrengedeck, bitte!" legt den Finger tiefer in die Wunde als jeh zuvor. Hier werden bestimmte Gruppen zum ersten mal konkret angegriffen. Dabei sind die Beats sicherlich verdaulicher geworden, die Texte sind es umso weniger. Schon der Opener "Ihr" macht klar wo es lang geht ("Ihr habt keine Probleme, denn ihr seid so gute Menschen...").  Höhepunkt des Albums sind die Songs "Sandy und Justin" ("Sandy und Justin haben eigene Probleme, doch sind sie erst sechzehn gehst du ihnen aus dem weg / Sandy und Justin fragen dich >Hast du Probleme?< und du gibst Sandy und Justin dein Portemonnaie") und "Focusleser" zusammen mit Soda ("Nur weil du lesen und schreiben kannst macht dich das gegenüber Menschen, die nicht lesen und schreiben können, nicht überlegen / aber die Tatsache, dass in deinem Ikea-Bücherregal ein Buch von Sarah Kuttner steht, macht dich zu einem Idioten").

Außer Soda finden sich noch andere Gäste auf dem Album ein, darunter Hiob, Morlockk Dilemma und Retrogott. Die guten Herren runden das ganze auch perfekt ab und passen sich dem Grundthema der Scheibe an, Alkoholismus als Flucht vor der Realität. Auch damit wird bemerkenswert konsequent umgegangen und findet in nahezu jedem Lied Einzug. Wie gesagt, sind Audio88 & Yassin mehr Spiegel als Kritiker und vielleicht deswegen so viel weiter als die meisten Kollegen.

Zu bestellen gibt es das gute Stück bei HHV und einen Vorgeschmack gibt es auf Myspace.

The Q4 - Sound Surroundings

Manchmal stolpert man über junge Künstler die musikalisch ihre Vorbilder schon längst überholt haben. The Q4 sind solche Künstler. Die drei Produzenten aus den Niederlanden Arts the Beatdoctor, Sense und STW gehen dabei mit einer derartigen Leichtigkeit zu Gange dass einem nur schwindlig werden kann. 

Dabei ist die Rezeptur doch recht klassisch, minuziöse Arrangments hunderter Samples plus eingespielte Instrumente. Klingt so erstmal wie "The  Avalanches" vs. "Madlib Invades Blue Note". In der Tat ist eine Ähnlichkeit zu den beiden Sample-wahnsinnigen Größen nicht zu leugnen, doch das Ergebnis kann keineswegs als Kopie verstanden werden. So ist "Sound Surroundings" um einiges druckvoller und komplexer als "Since I left you" von The Avalanches und doch um einiges eingängiger als Madlibs Instrumentalalben einschließlich "Madlib invades Blue Note". Ich scheue mich ja sehr vor dem Wort "schön" da das eher zu langweiligen Landschaftsfotos passt als zu Musik. Bei "Sound Surroundings" passt es aber sehr gut, den die Klanglandschaften und Arrangments sind einfach nur schön und laden zum Träumen ein. Die teils sehr jazzigen Songs eignen sich dabei wunderbar für einen Sonntag Morgen oder einen Abend mit Wein und Zigarre. 


Ein weiteres Merkmal hebt The Q4 von ihren Vorreitern ab, nämlich der Einsatz von Gesang und Rap. Bei insgesamt fünf der elf Songs wurde jeweils mit einem anderen Künstler zusammengearbeitet. Die Bandbreite reicht dabei von exotischen Klängen (Cuna Suarez) über Jazz (Terryman) bis hin zu klassischem Rap (Pax, Unorthadox, BLS). Dadurch gewinnt die Platte an Abwechslung wie es besser nicht sein könnte. Alle fünf Vokalisten sind auf hohem Niveau und werten die Songs nur noch auf. Ich habe die Platte jetzt schon gute zehn mal gehört und kann mich unter den lässigen Songs nicht für einen Favoriten entscheiden, oder anders ausgedrückt, hier wird auf hohem Niveau angefangen und elf Songs lang nicht nachgegeben. Unterm Strich eine Platte für alle Liebhaber von old school HipHop, jazzigen Instrumentals und handgemachter Chill out Musik. 


Bleibt am Schluss noch zu erwähnen, dass The Q4 beim hervorrangenden deutschen Label Project Mooncicle erscheinen, eine besondere Kollaboration von Künstlern unterschiedlicher Stilrichtungen. Hier wird auch immer Wert auf das Layout der einzelnen Platten gelegt und meistens geht ein Label-eigener Künstler ans Werke. Auch "Sound Surroundings" ist als Vinyl eine wahre Augenweide, es lohnt sich also doppelt.




St. Vincent: Gitarrenzauber

Manchmal haben die beliebten Videoplattformen des Web 2.0 doch mehr zu bieten als verwackelte Handyvideos und Selbstentblößungen zum Fremdschämen. Im Falle der amerikanischen Sängerin Annie Clark alias St. Vincent haben die im Netz kursierenden Videos der guten Dame zu einer meiner schönsten Entdeckungen der letzten Jahre beigetragen. Dabei sind diese Videos Teil eines Gesamtkunswerk, in dessen Mitte Annie Clark selbst steht.

Während einem auf den beiden Alben "Marry Me" und "Actor" der 27-jährigen Künstlerin komplexe und teils experimentelle Arrangments entgegenschmettern, sieht man sie auf den zahlreichen Videos im Internet oft alleine mit Gitarre musizieren. Eigentlich gibt es dadurch jeden Song zweimal, einmal als LP- und einmal als Internet-Version. Nie ist eine Version uninteressant oder gar langweilig. Alleine das könnte Grund genug sein auf die in Europa noch weitgehend unbekannte Annie Clark ein Auge zu werfen.

Natürlich könnte man jetzt auch über die mutig arrangierten Platten mit ihrem extranvaganten Instrumenten- und Gesangseinsatz sprechen, oder über das gradniose Gitarrenspiel mit einem Hang zum Noise. Jedoch empfehle ich jedem sich selbst auf die Suche zu machen, den selber entdecken ist doch das Schönste. Den Anfang sollte man vielleicht mit dieser wundervollen Nummer vom ersten Album machen. Diesmal ist die gute Annie auch nicht allein, sondern hat Unterstützung vom amerikanischen Songwriter Andrew Bird. Da macht das Spielen und auch das Schauen gleich mehr Spaß...